Tuesday, July 3, 2007

Coiffeur

Heute gebe ich hier mal eine Anekdote zum Besten. Schliesslich ist das hier Indien, und Indien ist ein Land, wo alle Leute immer Anekdoten erleben. Also, gestern war ich beim Coiffeur.

Ich schritt in den erstbesten Schuppen. Wurde erfreut empfangen, und der Chef wies mir einen Platz auf der Bank zu. Er sei gleich soweit. Ich setzte mich und las in einem Heftli - über Bollywoodfilme und Bollywoodfilmstars (Den Indern ist wirklich nicht mehr zu helfen mit diesen Kinozeugs. Eigentlich ist das wie das Schutten bei uns. Es gibt sogar Fanclubs von einzelnen Schauspielern! Das wäre eigentlich auch einmal einen Eintrag wert...). Aber egal. Eben, im Salon, der etwa 2x3 Meter gross war, sassen 3 Inder und wurden von 3 Frisören frisiert. Dazwischen huschte barfuss ein magerer Knabe umher, der die Haare am Boden zusammenkehrte, die Rasierbecken wusch, und stets aufmerksam den Befehlen des Chefs lauschte, welcher ihn harsch umherkommandierte. Neben mir sassen noch 3 weitere Inder auf der Bank und warteten. Dazu lief indische Filmmusik, an der Wand über dem Spiegel hing ein indischer Kitschaltar und daneben ein grosses Bild in Erinnerung an einen verstorbenen Inder (wahrscheinlich der Coiffeursalongründer), mit einem roten Tupf auf der Stirn (also, richtig ein Tupf, nicht ein fotografierter Tupf, sondern ein richtiger Schlargg auf das Foto getupft).

Dann war ich an der Reihe. Der Chef höchstpersönlich gab mir die Ehre. Obwohl er kein einziges Wort Englisch sprach, schien er sehr genau zu wissen, was ich will. Jedenfalls nahm er seine Schere und begann ohne mich zu fragen mit dem Schneiden. Ich lachte in den Spiegel und liess ihn machen. Und sah mich schon so mit einer typischen Inder-Vokuhila-Frisur durch die Strassen von Bangalore laufen. Genau so eine hatte nämlich der selbe Chef dem Klienten vor mir auf den Kopf gezaubert. Dieser jedoch schnitt weiter, lachte auch und hob den Daumen und sagte "Perfect!".

Chirurgisch genau wurde also meine Mähne gestutzt. Plötzlich legte er die Schere beiseite und begann mit beiden Händen an meinen Haaren zu zerren und reissen. Dann nahm er wieder die Schere und schnitt weiter. Bald war alles "perfect!", es gefiel mir sogar sehr gut, was ich ihm auch zu verstehen gab. Dann dachte ich, es sei fertig und wollte schon aufstehen, bezahlen und mich verabschieden.

Doch da nahm er das Rasiermesser hervor. Rasur! Als er mit dem Rasiermesser in der Hand fragend auf seinen Schnurrbart zeigte, schrie ich laut "Cut, cut!". Darauf war ich vorbereitet, denn das stand im Reiseführer. Der Default-Modus in Indien ist nämlich "Schnauz stehenlassen" und nicht "Schnauz abrasieren".

Also wurde zuerst eine Art Lotion aufgetragen, dann der Rasierschaum darüber. Danach kurz warten und rasieren. Danach zweite Rasur. Wieder einschäumen, wieder abrasieren. "Perfect!".

Danach nahm er wieder seine Schere in die Hand - und steckte sie mir in das rechte Nasenloch. Häää.... Nasenhaare schneiden! Ja klar, wie konnte ich das vergessen...

Danach die Haare in Nacken wegrasieren. Alles mit sehr viel Einsatz, Wohlwollen und der Meisterschaft von wahrscheinlich mehr als 20 Jahre lang Inder frisieren. Plötzlich hielt er inne, legte das Rasiermesser wieder zur Seite, nahm meinen Kopf in beide Hände und riss mir fast die Birne von den Schultern. Es knackten und krachten die Wirbel wie wild. Gemächlich lief er hinter mir durch auf die andere Seite, ergriff wieder meinen Kopf, und riss meinen Kopf auf die andere Seite rum. Damit schien er ganz zufrieden zu sein. Ich war erleichtert, dass er mir nicht das Genick gebrochen hatte, denn Genick-Brechen stelle ich mir akustisch etwa so vor wie das getönt hat...

Dann drückte er meinen Kopf nach vorne und begann meinen Rücken zu kneten und klopfen. Massage! Dann riss er mich wieder zurück in den Stuhl und ergriff meine rechte Hand. Und riss an jedem der Finger, und wenn einer nicht laut knackte, riss er noch einmal daran. Inklusive Daumen. Danach die linke Hand, selbe Prozedur! "Perfect!"

Danach war schon fast gut. Er nahm eine Seife und begann mein Gesicht damit einzureiben. Die Seife war ganz frisch und erinnerte mich an Tiger-Balsam einreiben. Dann nahm er eine Crème hervor, trug sie auf und begann, mein Gesicht zu massieren. Ich musste die Augen schliessen und er fingerte mir im Gesicht herum, bis alle Crème eingerieben war. Als er fertig war, öffnete ich die Augen wieder.

Er kam mit einem After Shave und parfümierte mich tüchtig ein. Dann richtete er meine neue Frisur, korrigierte hinten noch ein letztes Detail, puderte mir den Hals und den Nacken, riss mir das Haarindiekleiderfallschutztuch (dieses Ding hat keinen Namen!) vom Hals, klopfte mir auf die Schulter und steckte mir seine Hand entgegen. "Perfect!" Ich steckte ihm meine Hand auch entgegen und bedankte mich mit einem festen Händedruck. Tatsächlich "perfect!".

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