Am Samstag war ich an einem Festli. Das Festli fand bei Yohan zuhause statt. Yohan ist Franzose und etwa so alt wie ich. Er forscht hier in Indien an einem Projekt über Böden. Er misst irgendwie, wie die verschiedenen Erdarten verschieden gut Wasser speichern können.
Yohan bewohnt mit seiner französischen Freundin Mathilde zusammen eine riesige 4 Zimmerwohnung, im 5 Stock, mit schöner Aussicht, mit Putzfrau und riesen Balkon und allen Schikanen. Dort wohnen die beiden. Seine Freundin ist hier mit ihm und macht nichts. Gar nichts. Langweilt sich zu Tode. Sie sagt es selbst immer wieder, es sei "un peu embêtant", wenn man nichts zu tun habe.
Doch Mathildes "ennui" hat auch seine guten Seiten. Sie hat jetzt angefangen zu backen. Damit es ihr nicht so langweilig ist. Jedesmal wenn es irgendwo eine "soirée" gibt, bringt Mathilde einen feinen Kuchen mit, den ich dann fressen kann! So wie zuletzt diese Erdbeertorte, welche wirklich ausgezeichnet war.
Sonst hat es Mathilde aber gut. Yohan arbeitet nämlich für eine französische NGO. Sie bezahlen ihm einen "europäischen" Lohn, die Wohnung, die Putzfrau, die Flugzeugtickets und sogar einen privaten Chauffeur, der rund um die Uhr für die beiden da ist.
Jeweils am Morgen führt dieser Chauffeur Yohan zum Institut, damit er über die Böden forschen kann und holt ihn am Abend dort wieder ab. Den Rest des Tages führt er dann Mathilde herum, die Sachen unternimmt, damit es ihr nicht langweilig wird. Am Mittag führt er Mathilde ins Institut und dann isst Mathilde mit Yohan dort. Am Nachmittag führt er sie manchmal ins Schwimmbad, dann geht Mathilde schwimmen. Mathilde sagt ihm dann, er solle unterdessen für sie einkaufen gehen. Dann geht der Chauffeur einkaufen. (Kein Wunder, dass es der Mathilde langweilig ist, sie könnte ja zum Beispiel selber einkaufen gehen, wäre doch noch unterhaltsam...). Eben, dann hat Mathilde fertig geschwommen, und dann führt er sie wieder zurück in das grosse Appartement.
Ich habe mich schon länger gewundert über diese beiden. Warum um himmelsgottswillen leben die in so mega Luxus? Was ist das für eine Mords-NGO, die ihren Mitarbeitern alle diese unnötigen Sachen zahlen kann? Die dermassen ihr Geld verklepfen kann? Und alles nur, für ein bisschen Forschung über Böden?
Gestern wurde ich dann endlich aufgeklärt. Das seien Tsunami Spenden... Die Organisation habe all das Geld nach dem Tsunami bekommen. Und nie und nimmer alles für die Projekte in den Katastrophengebieten gebraucht. Es habe viel zu viel Geld gegeben von den Spenden. Und kaum etwas sei davon gebraucht worden. Jetzt wird das Geld eben so ausgegeben. Für ein tolles Appartment für die Mitarbeiter, für Gratisflüge und für einen Privatchauffeur für Mathilde.
Naja, dann hat es sich ja gelohnt, dass alle Welt nach dem Tsunami tagelang am Fernsehen herumgegrännt hatte über diese armen Cheiben in Bandah Aceh (ah ja, Bandah Aceh, was war das nun schon wieder??) und die Eingeborenen auf den Andamanen und Nikobaren Inseln (genau, also für diese habe ich damals noch kurzerhand 50 Stutz mehr gespendet, das Fernsehen sagte mir damals, die hätten es ja so dringend nötig!).
Aber ist doch egal, eigentlich wollen wir das gar nicht so genau wissen. Sonst kommt plötzlich noch aus, dass mit den Spenden Luxushotels oder Touristenresorts gebaut wurden. Wäre doch auch möglich...
Und wenns schon nichts gebracht hat, immerhin haben hier in Bangalore ein Chauffeur, seine Familie und wohl die halbe Sippe vorerst einmal ausgesorgt. Dank den Tsunamispenden! Und Yohan kann seine Bodenforschung machen, Mathilde kann sich in exotischer Umgebung langweilien und ich kann ab und zu eine feine Erdbeertorte fressen.
In dem Sinn, danke Tsunami! Und einen herzlichen Dank an alle, die damals auf die Post geseckelt sind und der Glückschetti 100 Franken einbezahlt haben (und dann aber schnell wieder ab nach Hause vor den Fernseh, um endlich mit gutem Gewissen den Rest der Sondersendungen über die Versoffenen und die geilen Touristenvideos mit der Riesenwelle anschauen zu können. Remember Schniggi: "Da kommt noch eine grössere... Und die Wellen, die brechen dahinten noch heftig... Alter Schwede... Boh, jetzt bricht die da hinten, heftig... Ach, die hauen auch alle ab, die Thais... Boh, was ist das? Kuck mal da hinten, wie das hochperscht, Schniggi, das Wasser... Was ist das??").
Und einmal mehr sei Dank dieser unsichtbaren Hand, die wunderbarerweise dazu schaut, dass die Güter immer dort landen, wo sie am meisten gebraucht werden. Damit wir, laut These, weiterhin flott "das allgemeine, gesellschaftliche Glück maximieren, indem wir unser persönliches Glück erhöhen".
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1 comment:
Hier gehts lang zum Schniggi Video:
www.youtube.com/watch?v=saiMPiSBLnc
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